SCHUSCHIFILM

Die Musik von "2001: a Space Odyssey"

„Einführung in die Film- und Medienmusik“ – Seminar von André Bellmont
Raphael Schulze-Schilddorf

EINLEITUNG:

Jedem potentiellen Leser möchte ich raten, den Film vor dem lesen dieser Arbeit anzusehen, da das Erlebnis niemals in Textform wiedergegeben werden kann und Kenntnis der groben Handlung notwendig ist.
Wenn ich an mein eigenes Lieblingsbeispiel denke, in denen Musik gekonnt in einem Film eingesetzt wird, so kommt mir sofort der Tanz der Raumschiffe im zweiten teil von 2001: A Space Odyssey von Stanley Kubrick in den Sinn. Dies nicht nur weil 2001 mein Lieblingsfilm ist, sondern auch, weil ich die Musik darin besonders gelungen finde.
Sowohl in 2001: A Space Odyssey, als auch in seinen anderen Werken verwendet Kubrick oft sogenannte Compilation Scores. Man bezeichnet damit Filmmusik, die unabhängig vom Filmischen Werk komponiert wurde und als solche umfunktioniert wird. Ich möchte in dieser Arbeit sowohl Kubricks Herangehensweise in 2001, als auch die Musik an sich genauer unter die Lupe nehmen.

TEMP TRACKS, DIE IM FILM LANDEN

Im Schnittprozess eines Filmes werden häufig so genannte Temp Tracks verwendet. Dies ist Musik, die bereits existiert und nur unter das Bildmaterial gelegt wird, um dem Editor und dem Regisseur ein Gefühl zu geben, wie die Szene mit dem in Zukunft komponierten Film Score funktionieren wird. Nicht selten passiert es jedoch, dass der/die Regisseur/in sich so an die Temp Tracks gewöhnt, dass man sich nicht mehr davon lösen kann. So gibt es eine grosse Anzahl von Filmen, bei denen die Temp Tracks im finalen Film landeten.
Ohne dies durch eine quantitative Studie beweisen zu können, würde ich behaupten, dass der grösste Teil der Compilation Scores in Filmen Temp Tracks entspringt, die im Film gelassen wurden.
Genau so ist es mit 2001: A Space Odyssey. Kubrick liess sogar Musik von Alex North komponieren, doch er verwendete sie nicht, da er mit der Komposition weniger zufrieden war als mit den Temp Tracks:

„North komponierte und spielte mehr als 40 Minuten Musik in nur zwei Wochen ein, und dann wartete er auf eine Gelegenheit, den Rest des Films zu sehen und Stellen zu finden, wo er weitere Musik unterbringen könnte. Kubrick schlug ihm sogar telefonisch Verbesserungen für eine künftige Aufnahmesitzung vor. „Nachdem ich elf Tage lang gespannt darauf gewartet hatte, mehr von dem Film zu sehen, um im Februar die Musik dafür aufnehmen zu können, erhielt ich von Kubrick die Nachricht, es würde keine weitere Musik benötigt.“ Schliesslich entschied sich Kubrick, überhaupt nichts aus der Komposition von North zu verwenden. (Phillips, herausg. Alison Castle 2005, 463)

Er scheint die richtige Wahl getroffen zu haben, da er mit seinem Film auch diesen Musikstücken zu neuer Popularität verholfen hat.
Unter Filmmusikern herrscht oft die Einstellung, dass es für einen Film im Regelfall besser ist, wenn man spezifisch für den Film komponierte Musik verwendet. Vielleicht kann man ein besseres Verständnis für Kubricks Entscheidung zu den Temp Tracks (bzw. zu einem Compilation Score) entwickeln, wenn man die Musik in 2001: A Space Odyssey genauer unter die Lupe nimmt.

DIE MUSIK VON 2001: A SPACE ODYSSEY

2001: A Space Odyssey ist ein Film, der sehr viel mit Musik arbeitet. Schon ganz am Anfang werden wir als Zuschauer von einer ca 2,5 Minütigen Ouvertüre empfangen. Sie besteht aus sphärischen Klängen eines Orchesters, die zugleich spannend und furchteinflössend in einem langsamen Crescendo aufsteigen. Eine sehr ähnliche Musik wird auch in der Intermission kurz nach der Mitte des Films verwendet. Aus heutiger Sicht würde man ein solches Musikstück eher in einem Horrorfilm erwarten. Doch genau wie in einem Horrorfilm wird auch hier Spannung erzeugt. Wir sehen noch kein Bild, was die Wirkung dieses singulären Elementes verstärkt. Wenn das erste Bild gezeigt wird, so werden alle Zuschauer gespannt sein, da das Stück ihre Antizipation gesteigert hat.
Die allererste Einstellung von 2001: A Space Odyssey zeigt die Erde und die Sonne, die in senkrechter Formation hinter dem Mond aufgehen. Dazu hören wir mit Also sprach Zarathustra von Richard Strauss ein Orchesterstück, das die Szene in ihrer allumfassenden Wirkung stark unterstreicht. Besonders im Gegensatz zur vorhergehenden Ouvertüre wirkt dieses Stück „Bigger than Life“. Das Stück entspringt der gleichnamigen Geschichte von Friedrich Niezsche, die nicht nur atmosphärische Gemeinsamkeiten mit 2001: A Space Odyssey aufweist.
Gene D. Phillips schreibt in seinem Aufsatz in The Stanley Kubrick Archive:

„In Niezsches Erzählung dient der persische Philosoph Zoroaster (deutsch: Zarathustra) aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert als Sprachrohr: Er verkündet hier die These vom Übermenschen, einer heroischen, lebensbejahenden Figur, die nach höherem strebt. Im Lauf seiner Abhandlung kommt Niezsche zu dem Schluss, der Affe sei vom Menschen so weit entfernt wie der Mensch vom Übermenschen. Diese Feststellung wird mit der ersten Episode von 2001 in Zusammenhang gebracht. […] Zudem ist das Eröffnungsmotiv von Strauss, eine aufsteigende Notenfolge (c-g-c), als „Welträtselthema“ bekannt und somit eine passende Einführung […].“ (Phillips, herausg. Alison Castle 2005, 460)

Hierbei soll betont werden, dass dieser tiefergreifende Zusammenhang von Musik und Thematik des Filmes natürlich nicht direkt an den Zuschauer weiter gegeben wird. Wenn wir mit der Musik nicht vertraut sind, so wissen wir als Zuschauer nicht einmal, ob die Musik in irgend einem weiteren Zusammenhang steht als der offensichtlich passenden Stimmung.
Und doch wird sowohl mit der Musik, als auch mit dem Bild, die Skala des Filmes definiert. Es handelt sich hier nicht um ein Kammerspiel. Es geht um den Menschen, seine Geschichte von seiner Entstehung bis zu seiner nächsten Entwicklungsstufe in einer weit entfernten Zukunft. Ich würde gar behaupten, die Wahl eines klassischen Orchesterstückes von diesem Format ist beinahe die einzige Möglichkeit, eine Handlung dieser Grösse zu tragen.
In diesen ersten Minuten dieses Filmes sehen wir auch sogleich eine wichtige Rolle der Musik. Kubrick wollte von Anfang an, dass dieser Film nicht von Dialogen, sondern von Erlebnissen geprägt sein soll. Dem Zuschauer soll nicht viel in Gesprächen überliefert werden (tatsächlich werden sehr wenige der „Plot Points“ im Dialog überhaupt direkt angesprochen):

„From very early in production, Kubrick decided that he wanted the film to be a primarily nonverbal experience that did not rely on the traditional techniques of narrative cinema, and in which music would play a vital role in evoking particular moods. About half the music in the film appears either before the first line of dialogue or after the final line. Almost no music is heard during any scenes with dialogue.“ (Wikipedia, 2001: A Space Odyssey (soundtrack))

So kann man die Musik in 2001: A Space Odyssey also als ein Werkzeug verstehen, das der sinnlichen Erfahrung des Zuschauers dienen soll, hier, im Gegensatz zur filmischen Konvention, als zentrales Element der filmischen Erzählung. Dies führt so weit, dass die Musik sogar als dramaturgisches Element verwendet wird. Also sprach Zarathustra wird in der allerletzten Szene noch einmal gespielt. Die Kamera fährt in den Monolithen hinein und wir werden irgendwo in die Umlaufbahn der Erde versetzt, wo in der letzten Einstellung des Filmes das Sternenkind langsam auftaucht. Somit spielt dieses Musikstück eine thematische und emotionale Rolle. Darüber hinaus kann es als eine Art von Rahmenhandlung angesehen werden, die den Film wie eine Klammer umspannt.

Ein weiteres Stilmittel, das Kubrick verwendet, ist das Leitmotiv. Ein Leitmotiv ist ein Musikalisches Motiv, das mit einem Inhalt im Film verknüpft wird. So kann es beispielsweise eine Leitmelodie für eine Figur oder auch ein erzählerisches Thema geben. Kubrick verwendet in 2001 ein Leitmotiv für den Monolith. Es besteht aus einem Chor, der sehr dissonant ineinander singt. Dabei wird ein Klangteppich geschaffen, der zugleich furchterregend und Neugierde weckend ist. Beinahe jedes Mal, wenn der Monolith zu sehen ist, hören wir auch sein Leitmotiv, wobei sie auch im Farbentunnel auftaucht. Hier könnte argumentiert werden, dass es somit kein Leitmotiv für den Monolithen sein kann, doch der Farbentunnel ist meiner Interpretation zufolge vom Monolithen hervorgerufen und somit auch ein Teil davon. Dieses Leitmotiv des Monolithen funktioniert in 2001 auf unterschiedliche Weise. Einerseits kann man es als figurenbezogenes Leitmotiv verstehen, da die Ähnlichkeit des Monolithen zu einer filmischen Figur durchaus gesehen werden kann. Er scheint eine Art von Gottesfigur oder übernatürlicher Macht darzustellen. Das Motiv kann jedoch auch als thematisches Leitmotiv verstanden werden für die Ehrfurcht des Menschen vor dem Unbekannten und für seine Entwicklung in eine nächste Bewusstseinsstufe.

Auch wenn in 2001: A Space Odyssey sehr auffällig mit Musik gearbeitet wird, so kann man deren Wirkung vielleicht am besten erkennen, wenn man die Szenen ohne Musik anschaut. In den meisten Kinofilmen wird Musik auch unter Dialogen verwendet, um eine Dramatisierung der Szene zu schaffen. In 2001: A Space Odyssey scheint die Tonspur immer nur einem dieser beiden Elemente Raum zu geben, um das jeweilige Element auch in seiner gesamten Tragweite wirken zu lassen. So finden wir sowohl bei den „Dialogszenen“ der Affen, als auch bei den Menschen in der Raumstation, auf dem Mond und auf dem Weg zum Mars nie Musik unter den Dialogen. Ein offensichtlicher Grund für diese Gestaltungsweise wäre, dass die Dialoge so Inhaltsschwanger sind, dass die Musik zu viel wäre. Dies scheint hier jedoch nicht der Fall zu sein, denn die Dialoge sind eher beiläufig und sind an Informationsdichte oft sehr mager. Es könnte sein, dass Kubrick seinen Fokus in den Dialogszenen auf den Realismus, und in den Musikszenen auf das Übernatürliche setzt. So kann die Musik auch als Teil der filmischen Welt angesehen werden.
Eine weitere in Bezug auf die Musik spannende Szene ist der Tod von Frank Poole. Weil HAL, der eingebaute superintelligente Computer an Bord des Raumschiffes einen Fehler eines Moduls auf der Aussenseite des Schiffes prophezeit, geht Poole mit einem kleinen Raumschiff hinaus, um das Teil zu reparieren. HAL übernimmt die Steuerung des kleinen Raumschiffes und wirft Poole damit ins All und in seinen Tod. Hier werden auf der Tonspur nur sehr wenige, sehr aussagekräftige Elemente verwendet. In der sehr langen Sequenz, in der Poole aus dem Raumschiff geht, hören wir auf der Tonspur nichts anderes als seinen Atem. Als Poole ins All geworfen wird, hört das Atmen auf und es herrscht eine gespenstische Stille. In den meisten Science Fiction Filmen wäre hier mit dramatischer Musik gearbeitet worden, die den Moment in meinen Augen aber nur abgeschwächt hätte. Diese Szene wirkt durch ihre Stille vor allem dadurch, dass davor auch sehr grossräumige Musik gespielt wurde.

FAZIT

Wir sehen, Kubrick geht in 2001: A Space Odyssey sehr bewusst mit den filmischen und musikalischen Elementen um. Er weiss genau, wann und wie er die Musik verwenden soll. Dass er für diesen Film die Temp Tracks in den finalen Schnitt übernommen hat, scheint nicht aus Unwissenheit zu geschehen, sondern aus einem sehr bewussten und feinfühligen Umgang mit den musikalischen Elementen.
Verschiedene relativ klassische Elemente wie zum Beispiel ein Leitmotiv, eine Ouvertüre und eine Intermission werden von Kubrick sehr stilsicher verwendet.
Nicht ohne Grund ist auch die Musik zu diesem Film in die Geschichte eingegangen.

QUELLEN:

Buch:
Herausg.: Alison Castle. Das Stanley Kubrick Archiv. Deutschland: Taschen Verlag, 2005
Wikipedia:
https://en.wikipedia.org/wiki/2001:_A_Space_Odyssey_(soundtrack)
https://en.wikipedia.org/wiki/2001:_A_Space_Odyssey_(score)

Bilder:
Bei allen Bildern handelt es sich um Screenshots.
2001: A Space Odyssey
Stanley Kubrick, GB 1968